Mehr vom guten Leben – Einladung zu Perspektivwechsel und Aufblühen in der sozialen Arbeit

Es ist eine Frage, die mich in meiner Arbeit mit Menschen und Organisationen immer wieder bewegt: Wie können wir – gerade in herausfordernden Zeiten und anspruchsvollen Berufsfeldern – ein gutes, erfüllendes Leben gestalten? Die Positive Psychologie als Wissenschaft vom gelingenden Leben bietet uns hierauf fundierte und gleichzeitig zutiefst menschliche Antworten.

Etwa ab der Jahrtausendwende entstand in der wissenschaftlichen Psychologie eine Bewegung hin zu „mehr des Guten“. Anstatt uns ausschließlich darauf zu konzentrieren, was defizitär ist und repariert werden muss (Fix what’s wrong), lenken wir unseren Blick verstärkt auf das, was uns stärkt und wachsen lässt (Build what’s strong). Diese Haltung ist für mich nicht nur eine akademische Perspektive, sondern eine tiefe Überzeugung, die meine Arbeit als Supervisorin, Coach und Trainerin prägt.

Besonders in sozialen und pädagogischen Berufsfeldern ist diese Ausrichtung von unschätzbarem Wert. Fach- und Führungskräfte, die tagtäglich andere Menschen begleiten, brauchen Räume, in denen sie ihre eigenen Ressourcen stärken und sinn- sowie wertorientierte Entwicklungsangebote für sich und ihre Klientinnen und Klienten entdecken können. Denn Systeme und Organisationen unterliegen oft einer eigenen Agenda und dienen nur bedingt den Bedürfnissen der Menschen, die in ihnen arbeiten. Diese Erkenntnis kann sehr entlastend sein – und sie lädt uns ein, selbst Verantwortung für unser Wohlbefinden zu übernehmen.

Aus dieser Überzeugung heraus war der Fachtag „Mehr vom guten Leben für Alle“, der Ende Oktober 2018 auf dem Campus der Hephata-Akademie für soziale Berufe in Schwalmstadt-Treysa stattfand, für mich ein ganz besonderes Ereignis. Gemeinsam mit geschätzten Kolleginnen und zahlreichen engagierten Teilnehmenden durften wir Konzepte, Theorien und vor allem Praxisprojekte der Positiven Psychologie beleuchten und erleben.

In meinem eigenen Vortrag konnte ich aufzeigen, welches immense Potenzial die Positive Psychologie für die psychosoziale und pädagogische Arbeit birgt. Wir sind der Frage nachgegangen, wie wir nicht nur Probleme bewältigen, sondern wahrhaftig aufblühen können. Meine Kollegin Dr. Judith Mangelsdorf (Deutsche Gesellschaft für Positive Psychologie) hat wunderbar dargelegt, wie ein Perspektivwechsel unser Leben verändern kann, indem wir unsere Stärken stärken. Herta Winkelmeyer widmete sich der Kunst, über sich selbst hinauszuwachsen und Übergangsprozesse heilsam zu begleiten und zu gestalten.

Mir war und ist es ein großes Anliegen, dass Lernen nicht nur durch Zuhören, sondern durch Erleben, Irritation im sicheren Rahmen und echten Austausch geschieht. Deshalb haben wir am Nachmittag sogenannte „Denkräume“ in Kleingruppen geöffnet. In meinem Denkraum widmeten wir uns der Frage: „Was Klienten wirklich wollen – motivierende und tragfähige Ziele vereinbaren und umsetzen“. Wieder einmal hat sich gezeigt: Echtes, tiefes Zuhören und das Schenken von Raum sind in der Begleitung von Entwicklungsprozessen oft wesentlich wirksamer als kluge Deutungen oder geniale Methoden.

Wenn Menschen mit ihren Stärken, Werten und ihrem Sinnerleben in Verbindung sind, können sie authentische und gesündere Entscheidungen treffen. Der Fachtag hat uns allen wertvolle Impulse gegeben, um herauszufinden, was uns und die Menschen, die wir begleiten, aufblühen lässt. Er war auch der Startschuss für die neue Ausbildung zum Berater der Positiven Psychologie (Level 1), die wir seit 2019 an der Hephata-Akademie anbieten.

Niemand ist eine Insel. Wir sind auf Verbundenheit angewiesen. Ich blicke mit großer Dankbarkeit auf die Begegnungen und den Austausch an diesem Tag zurück – ein wunderbarer Schritt auf dem gemeinsamen Weg zu „mehr vom guten Leben“.